Warum wir das WM-Fieber brauchen

Aus! Aus! Das Spiel ist aus! – jubiliert es nun im Geiste vieler Fußball-Hasser, während die Fans noch im Freudentaumel gefangen sind. Vier Wochen Folter, so scheint es, mussten sie ertragen. Liebe Leidtragende, ich kann’s nachvollziehen. Es war der absolute Overkill.

Einfach nur geil! 🙂

Ja, ich bin fußballbegeistert. Ich liebe diesen Sport, und zwar nicht nur zu internationalen Turnieren.

Muss man aber nicht.
Man kann Fußball öde finden oder prollig oder auch total überbewertet. Man kann das ganze Drumherum nervig und übertrieben finden. Und natürlich kann man vieles kritisieren an der Fußball-WM. Brasilien, das Milliarden in ein vierwöchiges Spektakel ballert, statt damit die Armut und Missstände im Land zu bekämpfen. Die FIFA, die aus jedem Grashalm auf dem Rasen den größtmöglichen Profit rausquetscht. Die gigantische mediale Aufmerksamkeit, die diesem Event gewidmet wird. Die absurde Vermarktungsmaschinerie. Die unverhältnismäßig hohe Entlohnung für ein bisschen Gekicke. Und Freistoßspray.

Manche Miesmacherei kann ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen. Auf Twitter klang das ja oft, als wäre die Fußball-WM ein Vorbote der Apokalypse und die Fans eine Armee der Finsternis. Vielleicht kann ich ja ein paar Vorurteile vom Platz stellen 🙂

So viel Schalalaaa um so ein sinnloses Spektakel!
So viel Oléolé um ein sinnvolles Spektakel! Wir brauchen globale Mega-Sport-Events wie die WM. Sie gehören zu den wenigen Ereignissen, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt verbinden. Und da wir nicht nur denkende, sondern auch fühlende Wesen sind: Sport ist ein genialer Weg, gemeinsam Gefühle zu zeigen und Teamgeist zu spüren. Und das für eine friedliche Sache mit weltweit einheitlichen Regeln!

Aber warum ausgerechnete Fußball?!?
Fußball ist spannend, einfach verständlich und jeder kann’s nachspielen. Um Fußball zu verstehen und zu lieben braucht man keinen Hochschulabschluss, darf aber auch einen Doktortitel haben. Man kann noch in der Grundschule oder längst in Rente sein. Egal, ob man aus Ghana, Brasilien oder Deutschlaaaaaand kommt.

Deutschlaaaaaand! – das klingt nach bösem Nationalismus!
Ist es aber nicht. Nationalfarben zu zeigen hat (bei den meisten Fans) null, aber auch wirklich NULL Bezug zu rassistischem, nationalistischem oder gar nationalsozialistischem Gedankengut! Niemand wird zum Nazi, weil er mit Deutschlandsöckchen über dem Außenspiegel Autokorso fährt. Das Ganze ist im Grunde nichts anderes als das Schwarz-Gelb der BVB-Fans oder das Königsblau der Schalker. Schwarz-Rot-Gold sind Vereinsfarben. Nicht mehr, nicht weniger. Sie sind nicht, ich wiederhole: NICHT der Ausdruck eines plötzlich erwachten kleinen Nazis in jedem Schlandfahnenwedler.

Aber #Gauchogate!
Und wenn unsere Jungs nach vier Wochen emotionalem und körperlichem Ausnahmezustand öffentlich den Gaucho-Tanz machen, dann hat das ebenfalls NULL mit Rassismus zu tun. Sondern mit Emotionen. Mit völlig normaler Stadionatmosphäre. Nur dass Borussia Dortmund und Bayern München eben durch die Fußballvereine Deutschland und Argentinien ersetzt wurden. Darüber hinaus gehört unsere Mannschaft sicher zu den fairsten und respektvollsten Teams der Welt, wenn es um den Umgang mit ihren Gegnern geht. Es war ein Fußballer-Spaß. Punkt. Aus.

WIR sind aber gar nicht Weltmeister! Wir haben ja gar nicht mitgespielt!
Falsch! Wir SIND Weltmeister! Ja WIR! Auch wenn nur 23 Mann für uns nach Brasilien gereist sind. Wir haben dieser Mannschaft den Rücken gestärkt – wer selbst mal in einer Wettkampfsituation war, weiß, wie wichtig das ist. Wir haben zusammen mitgefiebert, Daumen gedrückt, geschimpft, geweint und gefeiert. Wir haben gemeinsame Erinnerungen gesammelt, die uns auch in Zukunft noch verbinden werden.
Ich finde, wir brauchen dieses WIR-Gefühl ganz dringend, weil wir es im Alltag viel zu oft vergessen. Von mir aus darf es noch ganz lange anhalten. Es tut UNS wahnsinnig gut!

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