Review: Ayreon – The Theory Of Everything

Es gibt noch Musik, die Geschichten erzählt. Musik, bei der du gebannt zuhörst, um keinen Ton, keine Textzeile zu verpassen. Musik, bei der das Booklet nicht nur hübsches Retro-Beiwerk, sondern ein Libretto ist. „The Theory Of Everything“ ist eine Prog-Oper – und zwar die erste seit langem, die diesen Titel auch wirklich verdient.

Das neue Ayreon-Werk ist in vier Akte aufgeteilt, vier überlange Songs, die wiederum aus 42 Szenen bestehen. 42 – wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen hat, weiß, dass das die Antwort auf das Leben, das Universum und alles ist. Keine andere Zahl wäre passender für die musikalische Suche nach der allumfassenden Theorie des Lebens. „Ayreon“-Mastermind Arjen Lucassen ist eben ein Nerd und seine Musik ist für Nerds geschrieben 🙂

Der freundliche Holländer konnte erneut eine großartige Besetzung für seine Prog-Oper zusammenstellen. Tommy Karevik (Kamelot), Marco Hietala (Nightwish, Tarot), Rick Wakeman (Yes), Jordan Rudess (Dream Theater), Keith Emerson (Emerson, Lake and Palmer) Steve Hackett (Genesis) und Cristina Scabbia (Lacuna Coil) sind nur ein Auszug aus dem beeindruckenden Lineup. Aber auch weniger bekannte Künstler wie JB (Grand Magus), Michael Mills (Toehider) und Sara Squadrani (Ancient Bards) machen einen tollen Job.

Die Story

„The Theory Of Everything“ schlägt nicht nur ein neues Kapitel in der Ayreon-Saga auf, sondern ist ein ganz neues Epos. Eine sehr gute Entscheidung, denn mit sieben Alben war die Story rund um die „Forever“ einfach auserzählt.

Protagonist des Albums ist ein autistisches Wunderkind (Tommy Karevik), ein mathematisches Genie, das so in seiner Welt aus Zahlen, Gleichungen und verborgenen Verbindungen lebt, dass es kaum Verbindung zu seiner Außenwelt hat. Der Vater des Jungen (Michael Mills) ist ebenfalls ein brillianter Mathematiker, der wie besessen nach der „Theory Of Everything“ sucht und dabei seine Familie sträflich vernachlässigt. Die Mutter (Cristina Scabbia) fleht ihn an, sich mehr um sie und ihren gemeinsamen Sohn zu kümmern. Sie spürt, dass mehr in dem Kind steckt, dringt aber nicht zu ihm durch.

Der erste, der das große Potenzial des Wunderkinds entdeckt, ist sein Mathelehrer (JB). Der Junge löst ein mathematisches Problem, über dem der Lehrer brütet, seit er denken kann. Er sieht in seinem Schüler die Chance, sich doch noch einen Namen in der Wissenschaft zu machen – als sein Mentor und seine Vertrauensperson. Das gefällt dem bisherigen Musterschüler (Marco Hietala) natürlich überhaupt nicht. Er ist eifersüchtig auf den Wunderjungen und drangsaliert ihn, wo immer er kann. Doch das Mobbingopfer steht nicht ganz alleine da: Ein Mädchen (Sara Squadrani) stellt sich schützend vor ihn. Sie ist fasziniert von dem geheimnisvollen, verschlossenen Jungen und verliebt sich in ihn.

Lehrer und Mutter überzeugen den Vater, das Wunderkind in Behandlung zu geben. Der Psychiater (John Wetton) schlägt einen riskanten Therapieansatz vor: Er könnte den Jungen in ein Testprogramm für ein neues Medikament aufnehmen. Erste Ergebnisse seien vielversprechend, aber schwerwiegende Nebenwirkungen könnten nicht ausgeschlossen werden. Der Vater ist sehr interessiert. Wenn das Medikament wirkt, könnte sein Sohn ihn bei seinen Forschungen unterstützen. Doch die Mutter lehnt ab – empört, dass der Vater auch nur in Erwägung ziehen konnte, seinem Sohn einem solchen Risiko auszusetzen. Also trifft der Vater ein privates Abkommen mit dem Psychiater: Er verabreicht seinem Sohn das Medikament heimlich.

Die Wirkung tritt fast über Nacht ein: Der Junge nimmt plötzlich seine Umgebung wahr, wird nicht mehr vom Zahlenchaos in seinem Kopf überwältigt und kann seine außergewöhnlichen Fähigkeiten gezielt einsetzen. Jetzt kann er sogar seinem Rivalen die Stirn bieten. Und plötzlich ist er für seinen Vater interessant geworden. Die Mutter hat keien Ahnung, woher die plötzliche Wandlung ihres Sohnes kommt, doch sie ist einfach nur dankbar dafür. Einzig der Lehrer ist misstrauisch, wie sich sein autistischer Schüler so plötzlich verändern konnte. Doch er will ihm – nicht ganz uneigennützig – helfen, in der neuen, fremden Welt zurechtzukommen.

Der Schock tritt ein Jahr später ein: Die Tests haben bestätigt, dass das Medikament gravierende Nebenwirkungen hat – Halluzinationen und schwere Depressionen. Der Psychiater stoppt die Medikation und der Vater offenbart seinem Sohn, dass er monatelang ein Versuchskaninchen war. Schockiert und wütend läuft er von zu Hause weg und offenbart sich dem Mädchen und seinem Rivalen. Die Freundin nimmt ihn bei sich auf, doch ohne das Medikament kehrt das Chaos in seinem Kopf zurück und er spürt, dass er sich wieder von der Außenwelt abschottet. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf ein unmoralisches Angebot seines Erzrivalen ein…

Die Musik

Mit musikalischem Schubladendenken kommt man bei Ayreon nicht weit. Arjen Lucassen mixt munter Metal, Retro-Prog, Classic Rock, Folk, Science-Fiction-Score und Musical und gießt alles in die charakteristische Ayreon-Klangform: Space-Sounds, die durch Folk- und Akustikpassagen geerdet werden. Die charakteristische Hammondorgel, gespielt vom Maestro himself, zieht sich wieder wie ein roter Faden durchs Album und ist zugleich das musikalische Wasserzeichen des Projekts.

„The Theory Of Everything“ klingt trotz seiner Vielseitigkeit wie aus einem Guss. Musik und Story greifen perfekt ineinander, Soli fügen sich nahtlos ins Gesamtgefüge ein – und trotzdem versucht Arjen nie, seine berühmten Gäste in ein Korsett zu zwingen. Er schreibt jedem von ihnen ihren Part auf den Leib, ohne den roten Ayreon-Faden zu verlieren. Vielleicht schafft er es deshalb immer wieder, die Creme de la Creme aus Prog und Metal für seine Projekte zu engagieren. Das Namedropping ist nicht nur Marketing: Die Gesangsrollen sind einfach perfekt besetzt und es war eine gute Entscheidung, das Lineup auf wenige hervorragende Sänger zu beschränken. Arjen hat Künstler ausgewählt, die nicht nur vom Blatt singen, sondern Emotionen transportieren können. Tommy Karevik ist darin ein Meister seines Fachs (und ein Grund, warum Kamelot auch nach Roy Khans Ausstieg noch großartig ist), aber auch Michael Mills und JB beeindrucken auf ganzer Linie.

Mit „The Theory Of Everything“ ist Arjen Lucassen vielleicht sein Meisterwerk gelungen. Das Album ist ein Musterbeispiel für guten Progressive Metal / Rock. Denn viel zu oft wird unter Prog heute nur noch der exzessive Einsatz von Frickel-Tüddel-Fingerverknotungs-Soli verstanden. Echte Konzeptalben – gr0ße Musik-Geschichten – sind rar geworden. Es gehört Mut dazu, nicht in einzelnen Hits zu denken, sondern alle Tracks rigoros einem Gesamtkonzept zu unterwerfen. Das ist kein leichtes Ohrenfutter für zwischendurch. Vier Monstertitel á 20 Minuten, die man eigentlich am Stück genießen muss, schmecken nicht jedem (Ayreon war schon immer Geschmackssache). Keiner dieser Longtracks wird jemals einzeln in die ewige Prog-Hitliste eingehen. Aber das Gesamtwerk hat sich einen Platz in der Reihe großer Konzeptalben verdient.

„The Theory Of Everything“ hat für mich den Prog-Herbst 2013 gerettet. Dream Theater, Fates Warning  und co. haben ordentliche Alben abgeliefert, aber ein echter Meilenstein war nicht dabei. Gutes neues Konzertfutter, aber zu wenig Mut, zu wenig neue Ideen und vor allem zu wenig Herz. Bei Ayreon jagt dagegen ein Gänsehautmoment den nächsten. Klar geht das nicht ohne Kitsch und natürlich ist das neue Ayreon-Werk absolut bühnenfeindlich. Aber aus jeder Note klingt so viel Herzblut, dass man vor Freude heulen könnte. Für mich das Album des Jahres!

Tipp: Hört euch das Album am Stück an, mit einem guten Kopfhörer und mit dem Booklet in der Hand. Trinkt eine Tasse Kaffee dazu, esst ein paar Kekse und lasst euch von der Musik treiben. Machen wir viel zu selten…

 

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