Wir müssen Kommunikation neu lernen

Seit ein paar Tagen ist mal wieder Shitstorm-Wetter. #om13gate ist das Stichwort, das diesmal im Auge des Orkans steht. Anlass war der Vortrag „‚Ihr gehört nur mal ordentlich durchgevögelt‘. Hatespeech und Victim Blaming nach dem #Aufschrei“ auf der Konferenz Openmind 2013. Dort wurden kritische bis geschmacklose Tweets zur #Aufschrei-Debatte mit Absendernamen als Anschauungsbeispiele für Hatespeech benutzt.  Nachdem die Videoaufzeichnung des Vortrags im Netz stand, wurden die so vorgeführten „Hater“ ihrerseits mit Hass bombardiert. Als Folge nahm der Vater einer 19-Jährigen das Blog seiner Tochter aus dem Netz und der Betreiber der Streamingportalseite „Piraten-Streaming“ depublizierte das Vortragsvideo.

In der #om13gate-Diskussion gibt es zwei Pole: Die „Geschieht ihnen recht, sie haben´s ja provoziert“-Fraktion und die „Niemand darf öffentlich an den Pranger gestellt werden“-Gruppe. Und es gibt eine Vorgeschichte: die oben erwähnte #Aufschrei-Debatte. Ich stehe in der Debatte auf keiner Seite. Ich betrachte sie als weiteres abschreckendes Beispiel, wie Social Media nicht funktionieren sollte. Denn der Umgang, den die Streitparteien miteinander pflegen, ist – asozial. Würden wir im Real Life bei jedem Streit so aufeinander eindreschen, hätten wir uns längst gegenseitig ausgerottet. Aber wir hatten mehrere Jahrtausende Zeit, sozialen Umgang miteinander zu lernen und so eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen. Mit der Sprache haben wir gelernt, dass das gesprochene Wort nicht für sich alleine steht. Mimik, Gestik, Tonfall und zeitlicher Zusammenhang sind nur vier der zahlreichen Interpretationshilfen, die wir nutzen, um die Bedeutung des Gesagten zu verstehen. Ist unser Gegenüber wütend? Hat es einen Scherz gemacht? Ist es ehrlich oder lügt es uns an? Ist es nicht mehr ganz zurechnungsfähig, weil es betrunken ist?

All diese kontextbildenden Elemente fallen weg, wenn wir einen geschriebenen Text lesen. Da gibt es erst mal nur Buchstaben, schwarz auf weiß. Aber auch für Texte gibt es Interpretationshilfen. Vielleicht kennen wir den Verfasser persönlich oder wir haben schon mehr von ihm gelesen. Vielleicht hat der Autor alles so ausführlich erklärt, dass die Bedeutung seines Textes klar ist. Trotzdem bleibt oft noch viel Raum, um zwischen den Zeilen zu lesen.

Bei Twitter wird die Sache noch ein Stück komplizierter. Tweets sind auf 140 Zeichen begrenzt. Dem Verfasser bleibt daher nichts anderes übrig, als zugespitzt zu formulieren. Interpretationshilfen gibt es kaum, denn in den meisten Fällen kennen sich Verfasser und Leser nicht persönlich und bei anonymen Twitterern fehlen auch nähere Angaben zur Person. Um etwas über die Person hinter dem Nickname zu erfahren, bleiben nur seine gesammelten Tweets. Aber selbst dieser Kontext fehlt, wenn ein Tweet retweetet, alleinstehend in einem Blogpost erwähnt oder eben in einen Vortrag eingebaut wird. Twitter macht es der Welt besonders leicht, Aussagen aus dem Zusammenhang zu reißen.

Aber Twitter macht es auch besonders leicht, Aussagen ohne Zusammenhang und ohne große Überlegungen in die Welt hinauszuposaunen. Wut-Tweets, geschmacklose Scherze, unüberlegte Wortwahl – in 140 Zeichen kann man so viel falsch machen. Und wenn man Pech hat, verbreiten sich verbale Entgleisungen und Hirn-Aussetzer schneller, als man sie löschen kann. Und dann macht Twitter es wiederum leicht, auf den Verfasser des verhängnisvollen Kurztextes einzuschlagen.

Ich will hier nicht Twitter verteufeln. Ich twittere selbst sehr gerne und finde, dass dieses Medium in vielen Bereichen nützlich und sogar wichtig ist. Und in anderen sozialen Netzwerken lauern ähnliche „Gefahren“. Aber durch die 140-Zeichen-Begrenzung, die Retweet-Funktion, die große Öffentlichkeit und die Möglichkeit, anonym zu twittern, laufen Diskussionen hier besondes schnell aus dem Ruder.

Ich glaube, wir müssen Kommunikation neu lernen. Social Media ist – verglichen mit allen anderen Kommunikationswegen – Neuland. Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und über 140 Zeichen hinaus zu blicken. Wir dürfen aus einem einzelnen Tweet nicht gleich die Charakterstudie einer Person machen. Wir sollten über jeden in Rage verfassten Tweet die Vernunft nochmal drüberlesen lassen, bevor wir ihn abschicken. Wir sollten unsere guten Manieren nicht vergessen – so großmütterlich-spießig das auch klingt. Und vor allem sollten wir nie vergessen, dass hinter jedem Nickname – von Bots mal abgesehen – ein denkendes, fühlendes Wesen steckt. Wenn die digitale Gesellschaft funktionieren soll, müssen wir lernen, uns nicht aus jedem winzigen Anlass verbal zu zerfleischen. Worte können tief verletzen. Deshalb tragen wir Verantwortung für jedes Wort, das wir twittern, posten oder bloggen.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Die Tastatur kann tödlicher sein als ein Dolch.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. „… wurden die so vorgeführten “Hater” ihrerseits ANGEBLICH mit Hass bombardiert“

    „Als Folge nahm der ANGEBLICHE Vater einer 19-Jährigen das ANGEBLICHE Blog seiner Tochter aus dem Netz und der Streamingprovider depublizierte das Video“

    Übrigens stimme ich nicht zu, dass die Kommunikation im Real Life weniger eskalierend wäre. Sie würde nur anders verlaufen.

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