Abenteuer Neuland

Der erste Staatsbesuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin wird als historischer Tag in die Netzgeschichte eingehen. Das ist jedoch nicht Mr. Change zu verdanken, dessen Auftritt am Brandenburger ganz nett, aber keinesfalls weltbewegend war. Nein, es war unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Spruch des Tages lieferte: „Das Internet ist für uns alle Neuland“.

Man kann sich bildlich vorstellen, wie das ganze Web für einen Augenblick verdattert innehielt, wie Twitter für einen Sekundenbruchteil in ungläubiges Schweigen versank und der Hamster, der seit 20 Jahren das Internet am Laufen hält, mal kurz in Schockstarre versank. Hatte die Kanzlerin das gerade wirklich gesagt???

„Das Internet ist für uns alle Neuland.“

Sie hatte. Und sobald die Netzgemeinde sich vom ersten Schock erholt hatte, brach ein Memestorm los, der seinesgleichen suchte. Twitter und Facebook liefen heiß vor #Neuland-Späßen, die Memegeneratoren glühten und in Windeseile war ein passender Tumblr verfügbar. Die geballte Kreativität und Kalauerkunst der Netzeinwohner entlud sich an dem kleinen Wörtchen #Neuland. Es war ein riesiger Spaß! Für solche Sachen liebe ich das Internet!

Natürlich wurden nicht nur die Sprücheklopfer und Bildchenbastler aktiv. Es wurde Kritik an dieser Kanzlerin laut, die offenbar noch nicht in der digitalen Gegenwart angekommen ist. Dieser Neuland-Spruch war die Essenz von allem, was die Netzgemeinde, Verzeihung: die langjährigen #Neuland-Bürger an der Politik der Bundesregierung seit Jahren kritisierten.

Auch ich habe erst mal vor lauter Gesichtspalmen den Wald nicht mehr gesehen. Ich gehöre zu den Ureinwohnern von #Neuland. Ich bin seit Mitte der 90er online, mache beruflich was mit Internet und habe eine symbiotische Verbindung mit meinem Smartphone. Gäbe es tatsächlich den Laser aus Tron, der Menschen in die digitale Welt beamen könnte: ich besäße sicher die neueste Version davon. Ich bin #Neuland-Eingeborene, Netzbürgerin der zweiten Generation, lebe mit einem Mann derselben Spezies zusammen und kommuniziere täglich mit Gleichgesinnten. Das Internet ist für mich so alltäglich wie fließendes Wasser. Und aus all diesen Gründen lebe ich in einer wohlgeformten Filterbubble.

Bis zum Neulandgate habe ich mir eigentlich selten Gedanken darüber gemacht, wie viele Offliner und Randnutzer es in Deutschland gibt. Seltsam, denn ich treffe fast täglich auf Menschen, für die das Internet noch immer ein großes Mysterium ist. Menschen, die die (aus meiner Sicht) einfachsten Dinge nicht wissen, sich nicht auskennen, von der Flut an Eindrücken eingeschüchtert sind und seltsame Fragen stellen. Touristen. Zugezogene. Neulinge in #Neuland. Wenn wir über den Rand unserer Filterbubble schauen, sehen wir, dass sie nach 20 Jahren World Wide Web noch immer die Mehrheit sind.

#Neuland war ein großer Spaß, aber es ruft uns wieder in Erinnerung, dass das Internet noch längst nicht den Status von Radio und Fernsehen als Alltagsmedium hat. Ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland sind Offliner und die meisten Onliner gehen nur ins Netz, um Mails zu checken, ihre Lieblings(nachrichten)websites zu besuchen oder etwas Bestimmtes zu suchen*. Nicht einmal die Hälfte von ihnen nutzt soziale Netzwerke.

Das heißt: Für Millionen Menschen in Deutschland ist das Internet tatsächlich noch Neuland. Sie brauchen Zeit, es zu entdecken. Und sie brauchen Einheimische, die ihnen geduldig und ohne Überheblichkeit alles zeigen. Sie müssen allerdings auch mitgehen wollen. Und für unsere Politiker sollte ein längerer Aufenthalt in #Neuland möglichst zur Pflicht werden. Schließlich lernt man eine Kultur nur kennen, wenn man eine Zeitlang mittendrin lebt 🙂

Aber auch für uns Einheimische gibt’s im Netz noch so viel #Neuland zu entdecken. Seit ich zum ersten Mal eine Website aufgerufen habe, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn das Netz ist ständig im Wandel und bietet immer neue Überraschungen. Es treibt Menschen zu technischen und kreativen Höchstleistungen an und hat noch so viel Entwicklungspotenzial. Wir müssen einfach das Beste aus #Neuland machen. Noch stehen uns alle Möglichkeiten offen. #Neuland sollte jedoch nicht unser Erstwohnsitz werden. Die echte Party steigt in der realen Welt.

*Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013

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