Review: Avantasia – The Mystery Of Time

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Heute widmen wir uns einem Album, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte. Eigentlich hat Tobias Sammet in Wacken 2011 das letzte Kapitel seines Erfolgsprojekts Avantasia geschlossen. Aber offenbar hatte er vergessen, das vorher mit seine Muse zu besprechen. Die wollte nämlich von Abschied noch nichts wissen und bombardierte den armen Tobi so lange mit neuen Ideen, bis er schließlich nachgab und ein neues Avantasia-Album schrieb…

Natürlich hat der Maestro für „The Mystery Of  Time“ wieder eine musikalische Superhelden-Liga um sich geschart. Michael Kiske wird wahrscheinlich gar nicht mehr gefragt, sondern einfach vorausgesetzt (ich vermute ja, er hat seine Stimme in einem unauflösbaren, mit Blut unterzeichneten Vertrag an den Teufel Tobi verkauft). Ebenfalls dabei waren u.a. Biff Byford (Saxon), Joe Lynn Turner (Rainbow, ex-Deep Purple), Bruce Kulick (Grand Funk Railroad, ex-KISS), Bob Catley (Magnum), Ronnie Atkins (Pretty Maids), Russell Gilbrook (Uriah Heep) und – Sensation! – Tobias Sammets größter Konkurrent im Metal-Opern-Geschäft: Arjen „Mr. Ayreon“ Lucassen! Und als Gegenstück zu all diesen Koryphäen der härteren Rockmusik hat Mastermind Sammet dann noch das Babelsberger Filmorchester engagiert.

Aber Hollywood hat uns schon häufiger gelehrt, dass eine hochkarätige Besetzungsliste allein noch kein Garant für ein Meisterwerk ist. Sonst könnte ich an dieser Stelle Schluss machen. Schauen wir uns also dieses Album genauer an. „The Mystery Of Time“ ist eine neue Story, die inhaltlich nichts mit der „Metal Opera“ oder der „Scarecrow“-Trilogie zu tun hat. Protagonist ist ein Wissenschaftler im viktorianischen England, der die Geheimnisse der Zeit ergründen will.

Mit dem Einstiegsohrwurm „Spectres“ reißt uns Tobias Sammet gleich mit nach Avantasia: diese schummerige, in Gaslaternenlicht getauchte Welt voller verstaubter Bücher, Mystik, Steampunk-Apparaturen und großer Träume. Der Opener klingt erstaunlich „retro“, wie eine Rückkehr zu den Wurzeln. Dass „The Mystery Of Time“ trotzdem keine Kopie der „Metal Opera“ werden wird, macht „The Watchmaker’s Dream“ schon mit den ersten Takten klar. Der Song hat ein paar unverkennbare „Ayreon“-Referenzen – kein Wunder, denn der große Holländer hatte hier seine Finger im Gitarrenspiel. Es folgt mit „Black Orchid“ ein etwas düsterererererer, hymnischer Song mit voll aufgedrehtem Bombast. „Where Clock Hands Freeze“ ist vielleicht die offensichtlichste Zeitreise zurück zu den Anfängen von Avantasia. Ein schönes Powermetal-Stück mit Kiske/Sammet-Duett, Doublebass und melodiöser Melodie – damit kann man eigentlich gar nichts falsch machen!

Der wahrscheinlich kontroverseste Song des Albums ist die Single-Auskopplung „Sleepwalking“. Eine zuckersüße (Halb-)Ballade mit einer Extra-Portion Pop-Topping. Sammets Duett mit Cloudy Yang ist der radiotauglichste Song, den der Edguy-Frontmann je geschrieben hat und er hatte im Vorfeld bei Fans schon schlimmste Befürchtungen bezüglich des kommenden Albums geweckt. Sie haben sich glücklicherweise nicht erfüllt und auch wenn „Sleepwalking“ kein Meisterstück ist, so fügt es sich doch erstaunlich gut ins Gesamtwerk ein.

Wer durch „Sleepwalking“ einen Zuckerschock erlitten hat, hat jetzt zehn Minuten Zeit, seinen Insulinspiegel wieder auf ein normales Niveau zu bringen. „Savior In The Clockwork“ ist der erste von zwei Longtracks auf dem Album. Episch, bombastisch, gut. Es folgt mit „Invoke The Machine“ der härteste  Track des Albums, mit Biff Byford am Mikrofon ideal besetzt. Gleich darauf wird´s wieder gediegen mit der Powerballade „What’s Left Of Me“. Ein sehr schöner Song, der sich – wie fast immer bei Avantasia – ganz knapp oberhalb der Kitschgrenze bewegt. Und ja: der Sammet darf sowas! Er ist Inhaber des selten verliehenen Zuckerwattemetal-Zertifikats 🙂 Es wird dann auch gleich wieder powermetallisch und ur-avantasisch. „Dweller In A Dream“ ist ein schneller Gute-Laune-Titel, der in jedem Konzertsaal für hohen Spaßfaktor sorgen wird.

Den Abschluss des Albums macht ein amtlicher Longtrack „mit alles“. „The Great Mystery“ ist mein Highlight des Albums. Ein toll gelungenes Wechselspiel aus Symphonik-Bombast, ruhigen Gänsehaut-Momenten, mitreißenden Instrumentalteilen und den vielleicht besten Gesangspassagen des Albums. Großes Kino!

Meine Damen und Herren: Ich bin glücklich. Und an dieser Stelle darf ich ein wenig pathetisch werden: Tobias Sammet hat den Geist von Avantasia zu neuem Leben erweckt! Er darf sein Herzensprojekt gerne jedes Jahr beerdigen, wenn darauf immer eine solche Auferstehungsfeier folgt.“The Mystery Of Time“ hat meine Erwartungen deutlich übertroffen. Für mich ist es das beste Avantasia-Album seit der „Metal Opera“. „Scarecrow“ war gut (mit grandiosem Titeltrack!), „The Wicked Symphony / Angel of Babylon“ hätte man für meinen Geschmack auf eine Scheibe eindampfen können. Zu viele Längen, Lückenfüller und Skip-Titel haben mir diesen Zweiteiler verleidet. „The Mystery Of Time“ ist dagegen durchgängig gut bis sehr gut. Kein einziger Aussetzer ist dabei; sogar „Sleepwalking“ ist ein notwendiges Rädchen im Uhrwerk dieser Platte. Die Gastmusiker machen einen tollen Job, das Orchester fügt sich perfekt ein, ohne die Songs zu Symphonikbrei kaputtzuspielen (was wir leider viel zu oft hören müssen).

Was fehlt, ist ein Über-Titel mit Prädikat „grandios“, der das Zeug zum ewigen Klassiker hat. Aber wahrscheinlich hat sich der alte Fuchs Sammet den schon für die nächste Avantasia-Scheibe aufgespart. Denn wie schon die alten Greyjoys von den Eiseninseln sagten: Was tot ist, kann niemals sterben 🙂

Live ist das neue Avantasia-Werk sicher ein Erlebnis. Wenn ihr dabei sein wollt, schnappt euch noch schnell Tickets! Die Konzerte sind schon diesen Monat. Ich hoffe ja noch auf das ein oder andere Zusatzkonzert, gerne im Saar-Lor-Lux-Raum…

Hier sind die Avantasia-Tourtermine

18.04.2013     Ludwigsburg
19.04.2013     Kaufbeuren
20.04.2013     Fulda
22.04.2013     Berlin
23.04.2013     Hamburg
25.04.2013     Oberhausen
26.04.2013     Lichtenfels

 

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Hi, passendes review, nur eine kurze Klugscheißerei – Der gute Mr. Ayreon, Arjen Anthony Lucassen ist Niederländer 😉

  2. Alter Schwede, wie komm ich den auf Schwede? 🙂 Danke für den Hinweis, du hast natürlich Recht!

  3. Pingback: Halbjahresbilanz Popkultur 2013 / 1 | Panzerkeks.de

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