23. März 2013    /    Medien    /    Tags: , , , , ,

Von Blog-Spießern und Social-Web-Nomaden

Einst waren Blogger die digitale Avantgarde, heute sind sie die Spießer des Web 2.0. Ein eigenes Blog zu betreiben ist ja sooo Anfang des Jahrtausends! Man pflegt hingebungsvoll sein liebevoll dekoriertes Häuschen mit Garten und verpasst dabei die große Party. Die findet längst bei Facebook statt.

Facebook ist ein Reichweitensteigerungs-Apparat. Ich muss keine Einladungen mit Wegbeschreibung mehr verschicken, um sie als Leser zu gewinnen. Ich gehe einfach dorthin, wo alle sich treffen und poste dort, was ich loswerden möchte. Meine Leser danken es mir mit Likes und Kommentaren und erzählen vielleicht sogar ihren Freunden davon. Und all das ist so einfach: Ich muss mich nicht um Technik und Design kümmern, sondern nutze eine benutzerfreundliche Infrastruktur. Warum also sollte ich noch Zeit und Geld mit einem eigenen Blog verschwenden?

Eine Antwort darauf hat uns Jürgen Domian gegeben. Facebook hat mehrere seiner Posts inklusive aller Kommentare gelöscht, vermutlich nach einer „Meldungs“-Flut. „Offensichtlich aber haben fanatische Kirchenanhänger bei Facebook so viel Wind gemacht, dass man dort eingeknickt ist“, schreibt Domian in seinem „Brandbrief“. Die Funktion, um Trolle, Spammer und andere finstere Netzgestalten zu melden, ist grundsätzlich eine feine Sache. Aber sie kann auch leicht missbraucht werden. Wenn eine Interessengemeinschaft beschließt, unliebsamen Content aus dem Netz zu fegen oder sogar eine Person loszuwerden, kann der Petzbutton schnell zur Waffe werden.

Fest steht: Man kann Zensur und Mordio schreien, so viel man will: Facebook DARF löschen, was es will, den Facebook hat auf seiner eigenen Plattform Hausrecht. Und es hatte anders als Google niemals den Slogan „Don´t be evil“ (über dessen Gültigkeit beim großen Datenkraken wir hier nicht diskutieren müssen). Dass Facebook seine Dienste kostenlos zur Verfügung stellt, macht es noch lange nicht zu einem Wohltätigkeitsprojekt. Es ist ein börsennotiertes Unternehmen und als solches will und muss es Geld verdienen. Punkt.

Facebooks Kapital sind die Daten und der Content ihrer Nutzer. Sie bezahlen für die Dienstleistungen mit ihren Texten, Fotos und den persönlichen Informationen, die sie dem Unternehmen freiwillig zur Verfügung stellen. Jedes Bild, das man mit zwei, drei Klicks dort hochlädt, ist ein Geschenk an Mark Zuckerbergs Unternehen. Facebook kann damit machen, was es will. Dazu hat jeder einzelne Nutzer bei der Anmeldung sein Einverständnis gegeben (und kann dieses auch nicht mit einem der verbreiteten Protest-Postings widerrufen).

Facebook kann willkürlich entscheiden, welche Inhalte in den News angezeigt werden oder nicht. Und es kann entscheiden, was nicht gepostet werden darf. Hier gilt weder Presse- noch Meinungsfreiheit, es sei denn, das Unternehmen würde sie ausdrücklich gewähren. Doch selbst wenn dies heute der Fall wäre: Facebook kann theoretisch morgen seine Nutzungsbedingungen ändern. Es könnte z.B. Posts löschen, die kritische Aussagen über einen Werbekunden enthalten – gerne auch gegen eine kleine Gebühr. Oder ab morgen in jedem beliebigen Post eine Werbeanzeige schalten. Oder seinen Dienst in zwei Monaten komplett einstellen. Dann wäre all der schöne Content weg, zusammen mit der mühsam aufgebauten Fangemeinde.

Mit einem eigenen Blog ist man da auf der sicheren Seite. Im Idealfall ist es selbst gehostet, denn auch Blognetzwerke wie Blogger oder wordpress.com können jederzeit ihre Nutzungsbedingungen ändern oder schlicht und einfach Pleite gehen. Wobei WordPress immerhin ganz ordentliche Backups ermöglicht.

Als spießiger Blogger habe ich folgende Vorteile:

  • Ich bin die Hausherrin. Ich kann posten, was ich will. Ich kann über den Papst, die Politik und Prinzessin Lillifee schimpfen, so viel ich will und keine Interessengruppe kann mich per Meldebutton rausk(l)icken. Einschränkungen habe ich nur durch Gesetze, nicht durch willkürlich festgelegte Nutzungsbedingungen.
  • Mein Content gehört mir. Ich trete keinerlei Rechte an ein anderes Unternehmen ab.
  • Ich entscheide, wie mein Content präsentiert wird. Ich kann Posts nach oben ziehen, die ich für besonders wichtig halte, Kategorien und Kolumnen einrichten und natürlich auch das Design nach meinen Wünschen anpassen. Ich kann Texte formatieren und mit unbeschränkt vielen Links, Fotos und Videos garnieren.
  • Ich kann Posts editieren, ergänzen und kürzen, wann immer ich es für nötig halte.
  • Ich entscheide selbst, ob neben, in oder auf meinen Posts Werbung stehen soll oder nicht.
  • Ich bestimme auch, welche Ads in Verbindung mit meinem wertvollen Content gezeigt werden und muss keine Daniela-Katzenberger-Diättipps neben meinem Foodporn-Post über Rinderfilet in Kräuterkruste ertragen.
  • Shitstorms lassen sich leichter eindämmen. Ja, auch das ist inzwischen leider ein wichtiges Pro-Argument für ein eigenes Blog. Ich habe hier die Möglichkeit, Kommentare vor Freischaltung zu prüfen und reine Hass- und Trollbeiträge gar nicht erst unter meinem Blog erscheinen zu lassen* – oder die Kommentarfunktion ganz abzuschalten. Natürlich bewahrt mich das nicht davor, dass mich der Shitstorm auf anderen Kanälen trifft, aber ich habe zumindest einen Zufluchtsort.*Das bedeutet natürlich nicht, dass ich keine kritischen Kommentare freischalten sollte. Wenn ich Feedback erlaube, muss ich auch mit negativen Reaktionen leben. Aber reine Hate- und Flame-Kommentare kann ich imho ohne schlechtes Gewissen löschen.

Ein eigenes Blog zu betreiben heißt natürlich nicht, dass man nicht auch in sozialen Netzwerken aktiv ist. Im Gegenteil: Dies ist unverzichtbar, um Leser zu gewinnen und ganz allgemein am öffentlichen Online-Leben teilzunehmen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Facebook, Google+ und Twitter nicht „das Internet“ sind, sondern geschlossene Gesellschaften. Vielleicht kommt demnächst das neue große Ding und Facebook ist plötzlich total out. Glaubt ihr nicht? Dann erinnert euch an StudiVZ und WKW. Zuletzt noch angesagte Clubs sind heute so gut wie tot. Das Partyvolk ist weitergezogen und hat all seinen Content dort zurückgelassen. Deshalb sollte man sich sein kleines Zuhause im Netz bewahren und nicht komplett zum Social-Web-Nomaden werden. Sonst endet man vielleicht eines Tages als Heimatloser.

5 Antworten zu “Von Blog-Spießern und Social-Web-Nomaden”

  1. Jürgen sagt:

    Jaa! Kann ich sofort unterschreiben!

  2. Armin sagt:

    … sehr schön! Und kommentieren tun sie auch nicht mehr ins Blog, sondern bei Facebook. Wenn überhaupt!

  3. O-Jay sagt:

    Alles richtig und treffend auf den Punkt gebracht. Ich weiß auch gar nicht, ob das dem Durchschnitts-Facebook-und-Co-Nutzer so bewusst
    oder ob es ihm am Ende gar egal ist. Social Networks und kostenlose Dienste (siehe Posterous) sind nun mal temporär.

  4. […] Von Blogs-Spießern und Social-Web-Nomaden […]

  5. Nasendackel sagt:

    Schöner Artikel! Ich finde aber nicht, dass man in den Sozialen Netzwerken Leser werben muss. Die kommen von alleine. Man muss allerdings schon ein Alleinstellungsmerkmal haben. Der zigte Apple-Blog bringt da auch nichts.

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