Review: Das Lied von Eis und Feuer

Ihr Lieben, ich bin wieder da! Zurück von einer langen Reise durch die Sieben Königslande, die Freien Städte und das kalte Land jenseits der Mauer. Die letzten Wochen habe ich zu großen Teilen mit der Nase in einem Buch verbracht – genauer gesagt: in einer ganzen Buchreihe: Das Lied von Eis und Feuer. Nachdem ich nun alle zehn (deutschen) Bände in einem Lesemarathon verschlungen habe, kann ich guten Gewissens sagen: Das ist das beste Fantasy-Epos, das ich je gelesen habe. George R. R. Martin ist ein literarisches Meisterwerk gelungen!

Dabei hatte ich erst gar keine große Lust, diese Saga anzufangen. Olle Ritter, Drachen und höfische Intrigen klangen nicht nach dem Stoff, der mich aus meinem jahrelangen Lesetief reißen könnte. Hatten wir halt alles schon mal. Aber da das Lied überall in höchsten Tönen gelobt wurde und ich zumindest ein bisschen mitreden wollte, gab ich der Serie eine Chance. Und zu dieser Entscheidung muss ich mir im Nachhinein gratulieren 😉

Die Charakterzeichnungen sind großartig: detailliert, glaubwürdig, vielschichtig, hochinteressant. Es gibt keine Figur, die nur helle Seiten hat und wenige durch und durch böse Antagonisten. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer der Hauptfiguren erzählt. Manchmal erlebt der Leser eine Szene erst aus Sicht des einen, dann aus der des anderen Charakters und so setzen sich einzelne, kleine Puzzleteile zusammen. Man versteht Stück für Stück die Beweggründe für gewisse Handlungen und Ereignisse. Dann wiederum schafft es Martin, den Leser komplett zu überrumpeln, indem er durch einen Perspektivwechsel alles in Frage stellt was er zu wissen glaubte. Über Kapitel hinweg wandeln sich Figuren von „verabscheuungswürdig“ zu „interessant“ bis hin zu „eigentlich gar nicht so übel“. Allerdings lässt der Autor den Leser oft lange zappeln, bis eine Figur wieder auftaucht. Ich habe mehr als einmal vorgeblättert, weil ich nicht abwarten konnte, wie die persönliche Geschichte meiner Lieblinge weitergeht.

Nicht nur durch zahlreiche Cliffhanger und unterbrochene Handlungsstränge schafft es Martin, fast durchgehend für Hochspannung zu sorgen. Er beherrscht die Kunst, immer neue Wendungen, Verwicklungen, Krisen und Katastrophen einzubauen, Geheimnisse aus der Vergangenheit aufzudecken und seine Figuren gnadenlos von einem Problem ins nächste zu schleudern. Sein Schreibstil ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Verständlich, flüssig, so blumig wie möglich und so geradlinig wie nötig. Auch Kapitel mit wenig Handlung sind niemals langweilig, wecken im schlimmsten Fall eine leichte Ungeduld. Selbst Martins Liebe zu ausschweifenden Menü-Beschreibungen, Namensauflistungen und Wappenkunde verzeiht man ihm, da sie seine Fantasywelt noch lebendiger machen.

Dazu tragen auch die plastischen (teils sehr krassen) Schilderungen von Sex und Gewalt bei. Martins Welt ist dreckig, roh, brutal und oft erschreckend realistisch. Seine Edlen pissen, kotzen und ficken, stinken, saufen, bluten und töten. Nichts wird geschönt, nichts verklärt oder verharmlost. Nicht selten dachte ich beim Lesen: „Danke, so genau wollte ich´s gar nicht wissen“, aber ohne diese drastischen Beschreibungen wäre Westeros nur eine weitere weit, weit entfernte heile Fantasy-Welt. Trotz aller Drachen, Untoten und Magie hat das Lied viele Gemeinsamkeiten mit historischen Romanen.

Ich habe alle Bücher in der eingedeutschten Version gelesen. Ich weiß, dass viele Fans das als großen Frevel betrachten, doch ich fand es angenehm und dem Lesefluss sehr zuträglich. Die Übersetzung ist insgesamt gelungen, auch mit den deutschen Eigennamen konnte ich mich schnell anfreunden. Jon Schnee? Warum eigentlich nicht! Und Lord Erbsengraben hätte mich auf Englisch sicher nicht zum Schmunzeln gebracht 🙂 Warum aus den „Lannisters“ die „Lennisters“ wurden, wird dagegen das Geheimnis des Übersetzers bleiben.

Ich bin froh, dass ich alle Bücher am Stück gelesen habe. All die Charaktere, Orte, Handlungsstränge und Details schön sortiert im Kopf zu behalten, ist keine leichte Aufgabe. Ich hoffe, George R. R. Martin wird sich nicht allzu viel Zeit mit dem nächsten Band lassen. Ich habe so viele Figuren lieb gewonnen und werde sie sicher schrecklich vermissen. Außerdem bereitet mir ein fieser Cliffhanger Bauchschmerzen. Die TV-Serie wird mich vielleicht eine Zeitlang über die Durststrecke retten, zumindest wenn sie so gut ist, wie überall behauptet wird.

Das Lied von Eis und Feuer ist nichts für zarte Gemüter. Wenn ihr edle, strahlende Helden, hohe Minne, Harry-Potter-Magie und „saubere“ Settings wollt, seid ihr in Westeros falsch. Wenn ihr jedoch brilliant ausgearbeitete Charaktere, zum Zerreißen spannende Handlungsstränge, eine perfekt ausgewogene Mischung aus plastischem Realismus und fantastischen Elementen wollt, dann taucht ein in die größte High-Fantasy-Saga des 21. Jahrhunderts!

„Ein Leser durchlebt tausend Leben, ehe er stirbt“, sagte Jojen. „Der Mann, der nie liest, lebt nur sein eigenes.“
(Das Lied von Eis und Feuer 09: Der Sohn des Greifen)

Bücher (deutsche Ausgabe von Blanvalet):

Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell
Das Lied von Eis und Feuer 02: Das Erbe von Winterfell
Das Lied von Eis und Feuer 03: Der Thron der Sieben Königreiche
Das Lied von Eis und Feuer 04: Die Saat des goldenen Löwen
Das Lied von Eis und Feuer 05: Sturm der Schwerter
Das Lied von Eis und Feuer 06: Die Königin der Drachen
Das Lied von Eis und Feuer 07: Zeit der Krähen
Das Lied von Eis und Feuer 08: Die dunkle Königin
Das Lied von Eis und Feuer 09: Der Sohn des Greifen
Das Lied von Eis und Feuer 10: Ein Tanz mit Drachen

 

 

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