Review: Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht

Was passiert, wenn der deutsche Fantasy-Papst sich mit DER Pfälzer Prog-Metal-Institution zusammentut, um eine Rockoper auf die Bühne des Pfalztheaters zu bringen? Nun, was immer es ist: es kann nur episch werden!

„Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht“ heißt die Gemeinschaftsproduktion des Pfalztheaters Kaiserslautern, Vanden Plas und Wolfgang Hohlbein. Geneigte Leser werden bei diesem Titel gleich aufhorchen. Ja, Andrej Delãny, Abu Dun und co. haben es tatsächlich auf die Theaterbühne geschafft! Stellt sich die Frage: Braucht die Welt ein Fantasy-Musical über einen unsterblichen Transsilvanier, singende Schwertkämpfer und Arien schmetternde Inquisitoren oder ist dies das Ende der Bühnenkultur? Nun, ob die Welt ein solches Werk braucht, wage ich nicht zu beurteilen. Aber das allseits beliebte Musiktheater – wir wollen hier nicht von Popcorn-Theater sprechen – wurde um ein außergewöhnliches Stück bereichert.

Die Story in kürzester Kürze: Der Unsterbliche Andrej Delãny muss eine Entscheidung treffen: will er zum Gott aufsteigen oder seine Menschlichkeit bewahren? Doch Andrej bleibt wenig Raum und kaum Zeit, sein Schicksal selbst zu wählen. Er wird zum Spielball der konkurrierenden Götter Meruhe und Loki und auch Inquisitor Domenicus hat seine Pläne mit ihm. Andrej wird durch Raum und Zeit gehetzt, getäuscht, verletzt und mit grausamen Gegnern konfrontiert. Doch er kostet auch den Geschmack der Macht und seine Liebe zu Maria wird auf eine harte Probe gestellt. In Dr. Scalsis Narrenturm erfährt er zudem ein schreckliches Geheimnis…

Wenn man wie wir ohne Vorbildung in die Vorstellung geht – das heißt, ohne die Hohlbein-Bücher gelesen zu haben 🙂 – ist die Story zumindest zu Beginn des Stücks recht verwirrend. Die Figuren und Hintergründe eines ganzen Romanzyklus so knapp und verständlich wie möglich auf die Bühne zu bringen, ist nun mal keine leichte Aufgabe. Und auch die „Blutnacht“-Story an sich ist eigentlich ein bisschen zu komplex für das Rockoper-Format. Stellenweise hetzt bzw. springt das Ensemble durch die Szenen und lässt ein wenig den roten Faden vermissen. Hier spürt man leider deutlich, dass die Bühnenfassung des Romanepos mit heißer Nadel gestrickt wurde. Ein paar Monate mehr Zeit hätten dem Stück sicher gut getan. Im zweiten Teil wird´s glücklicherweise runder, da sich die Bruchteile der Story langsam zusammenfügen. Trotz der dramaturgischen Schwächen war das Stück zu keiner Zeit langweilig. Und man möchte nun unbedingt das Buch dazu lesen – was natürlich reiner Zufall und keineswegs von den Machern beabsichtigt ist 😉

Wo es beim Plot ein wenig hakt, machte die Musik alles wieder wett. Andy Kuntz und seine Mannen haben einen atemberaubenden Soundtrack geschrieben! Die fesselnden Melodien tragen die unverkennbare Vanden-Plas-Handschrift, sind aber dennoch massentauglich – und das ist keinesfalls abwertend gemeint. Werno, Kuntz und Lill haben den Spagat geschafft, Prog Metal und Musical zu einer außergewöhnlichen Klangwelt zu fusionieren. Da steckt großes Gefühl und noch mehr Drama drin, aber auch eine heftige Portion Rock! Vanden Plas haben jedem Song ihren Stempel aufgedrückt. „Blutnacht“ ist keineswegs Andrew Lloyd Webber mit Metal-Kapelle. Statt Zuckerguss-Kitsch gibt´s Balladen, die unter die Haut gehen, epische Hymnen (die Meisterdisziplin von Vanden Plas), große Duette und atemberaubende Instrumentalparts mit einer guten Prise Prog.

Ein großes Plus für das Stück sind die hervorragenden Darsteller, die sowohl sangestechnisch als auch schauspielerisch überzeugten. Andy Kuntz spielt nicht, er lebt Andrej Delãny. Man spürt, dass er mit dem Stoff bestens vertraut ist und und dass er nicht nur über eine großartige Stimme, sondern auch über langjährige Bühnenerfahrung verfügt. Musicaldarsteller OJ Lynch ist ein weiterer Glücksgriff. Er verleiht seinem Abu Dun eine Lässigkeit, die dem Stück sehr gut tut. Seine Rolle ist für die Lacher zuständig, wirkt aber nie albern, sondern total sympathisch. Auch Julia Steingaß verkörpert Andrejs große Liebe Maria sehr glaubwürdig und bezauberte mit ihrer Stimme. Einige der ergreifendsten Szenen gehen auf ihr Konto. Meine Favoritin ist – neben Andy Kuntz – jedoch Astrid Vosberg als durchtriebene Göttin Meruhe. Es macht riesigen Spaß, ihr zuzuschauen, wie sie ihre Intrigen spinnt, Andrej umgarnt und versucht, den ebenfalls starken Loki (Alexander Franzen) auszustechen. Und sie könnte wahrscheinlich das ganze Ensemble in Grund und Boden singen! Ihr Duett mit Andy Kuntz („Meruhe´s Seduction) gehört zu den beeindruckendsten und intensivsten Momenten des Stücks.

Das Bühnenbild wird auf ziemlich clevere Art realisiert. Um die vielen Orts- und Zeitsprünge darzustellen, werden die Einzelteile des Narrenturms (ein zentraler Handlungsort) in immer neuen Konstellationen verwendet. Hinzu kommen Videoprojektionen auf die Turmteile und halbtransparente Leinwände, wodurch einige beeindruckende Szenerien entstehen. Eine schöne Idee war es auch, die Götter auf Schiedsrichter-Hochstühlen zu platzieren, um auch visuell zu verdeutlichen, dass die ganze Geschichte für Loki und Meruhe nichts als ein Spiel ist. Was mich nicht komplett überzeugte, waren die Kostüme. Die wirkten teilweise – nicht immer! – doch recht billig, ebenso wie die Plastikschwerter 🙂 Da wäre mehr drin gewesen.

Alles in Allem kann ich für „Blutnacht“ eine klare Empfehlung aussprechen. Die Rockoper ist ein Muss für Hohlbein-Fans und Metalheads, die ein paar Punkte auf ihrem Kultur-Konto sammeln wollen 🙂 Aber auch Musicalfreunde, die nichts gegen härtere Töne haben und fantasy-affine Theatergänger, die sich für Stücke etwas abseits des Mainstreams begeistern können, werden ihre Freude daran haben. Ich hätte mir gewünscht, dass die Macher ein wenig mehr Zeit in das Script gesteckt hätten. Den ein oder anderen Handlungsstrang hätte man streichen und sich mehr auf die Hauptkonflikte konzentrieren sollen. Doch das durchweg überzeugende bis überragende Ensemble und natürlich die großartige Musik aus dem Hause Vanden Plas machen „Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht“ dennoch zu einem mitreißenden Theatererlebnis.

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Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht

Spielstätte: Pfalztheater Kaiserslautern
Infos und Tickets: http://www.pfalztheater.de/spielplan/musiktheater/die-chronik-der-unsterblichen-blutnacht

Termine:

  • 23. Juni 2012, 19:30 Uhr
  • 01. Juli 2012, 17:00 Uhr
  • 14. Oktober 2012, 18:00 Uhr
  • 21. Oktober 2012, 18:00 Uhr
  • 04. November 2012, 18:00 Uhr
  • 29. Dezember 2012, 19:30 Uhr

Besetzung:

Andrej Delãny: Andy Kuntz
Abu Dun: OJ Lynch
Marius – Schwarzer Ritter: Manuel Lothschütz
Domenicus/Dr. Scalsi: Alexis Wagner
Meruhe: Astrid Vosberg
Loki: Alexander Franzen (im Wechsel mit Randy Diamond)
Maria: Julia Steingaß (im Wechsel mit Adrienn Čunka)
Frederic: Denis M. Rudisch (im Wechsel mit Alea [Jörg Roth])
Graf Dracul: Maciej Salamon (im Wechsel mit Randy Diamond)
Vlad, der Diener: Stephan Müller
Die Blutgräfin: Geertje Nissen
Drei Herren: Finnley, Archie, Rightbourg: Alexis Wagner, Manuel Lothschütz, Maciej Salamon / Randy Diamond
Bess: Tabea Floch (im Wechsel mit Katharina Kries)
Meruhes Begleiterinnen: Anna Port / Gabriele Rusch / Jasmin Malkomes

Der Extrachor und der Kinderchor des Pfalztheaters
Das Ballett des Pfalztheaters
Die Statisterie des Pfalztheaters

Die Band Vanden Plas
Günter Werno (Keyboards)
Stephan Lill (Gitarre)
Torsten Reichert (Bass)
Andreas Lill (Schlagzeug)

Musikalische Leitung: Günter Werno
Inszenierung: Urs Häberli
Stefano Giannetti (Choreographie)
Alea [Jörg Roth] (Kampftraining und -choreographie)
Michael D. Zimmermann (Bühne und Kostüme)
Karl-Heinz Christmann (Videoprojektionen)
Ulrich Nolte (Chor)

Text: Wolfgang Hohlbein, Dieter Winkler, Andy Kuntz
Komposition: Stephan Lill, Andy Kuntz, Günter Werno