Konzertbericht: Nightwish – 21.04.2012 in der Rockhal

Imaginaerum (Nightwish in der Rockhal 21.04.2012)

Ein Nightwish-Konzert ohne Tarja? Wäre das nicht der Tod einer Legende, die seit Jahren in meinem Langzeitgedächtnis gespeichert ist? Ein unvergessliches Konzert in Köln ist damit verknüpft, jahrelange Fantreue, das Ende einer Ära, gemeinsam mit Hunderten anderer Fans auf der Großleinwand betrauert. Ich war zwar nie einer dieser Die-Hard-Tarja-Fans, die keine Göttinnen neben ihr dulden, und mit Anette haben Tuomas und seine Mannen eine weit bessere Wahl getroffen als mit jeder zweit- oder drittklassigen Möchtegern-Operndiva, die die Metalbühnen dieser Welt bevölkern. Aber ein Konzert??

Ich bin froh, dass ich´s gewagt habe. Nightwish haben in der Luxemburger Rockhal eine tolle Show geliefert!

Als Anheizer hatten die Finnen Eklipse und Battle Beast eingeladen. Unterschiedlicher hätten die Support Acts kaum sein können. Eklipse sind vier Damen mit Streichinstrumenten, die wohl unter dem Aushängeschild „Apocalyptica mit zwei X-Chromosomen und Gothic-Style“ musizieren sollen. Da wir spät an waren, habe ich ihren Auftritt fast vollständig verpasst. Nach allem, was ich noch mitbekommen habe, kann ich diesem Satz kein „leider“ hinzufügen. Schlechte Arrangements und vor allem eine höchstens mittelmäßige Leistung der Musikerinnen machen nicht wirklich Lust, mehr von Eklipse zu hören. Das klang wie gewollt und nicht gekonnt.

Ganz anders Battle Beast: Diese Band spielte echten Heavy Fuckin‘ Metal! Ich kannte sie vorher nicht und dachte erst: „Bitte nicht noch eine zarte Sirene am Mikro einer Melodic-Metal-Kapelle“! Und dann hat die kleine Nitte Valo losgelegt! Yeah! Eine Rockröhre, die sich nicht hinter einer Doro Pesch verstecken muss! Und dann machten die noch astreinen True Metal, wie direkt aus den 80s importiert! Bitte mehr davon! Nur der Sound war streckenweise mies. Warum kann man die Supports nicht anständig ausssteuern? Egal, Battle Beast werden meine Playlist ordentlich aufmischen 🙂

Nach einer langen Umbaupause kamen Nightwish auf die Bühne. Zumindest klang es danach, denn ein riesiger Fetzen-Vorhang versperrte die Sicht 🙂 Er fiel erst nach den ersten Takten von Storytime und gab den Blick frei auf die Band, eine gigantische Lichtanlage und einen Breitwand-Screen, der während der gesamten Show farbenprächtige Animationen von Karussells, Waldlandschaften und (stimmungsvolle!) Dark-Kitsch-Montagen zeigte. Auch an Pyroeffekten wurde nicht gespart. Nightwish bieten auf dieser Tour mehr denn je auch was für´s Auge!

Nightwish (Rockhal Esch-sur-Alzette, 21.04.2012)

Natürlich sollte die ganze Effekthascherei nicht zur Verschleierung musikalischer Defizite missbraucht werden. Das war hier auch eindeutig nicht der Fall. Die Band war gut drauf, auch Anette überraschte mich mit ihrer sehr guten Leistung. Sie hat seit dem Debütalbum offenbar viel dazugelernt und ihre Stimme geschult – eine kraftvolle, sehr angenehme Stimme, die auch Emotionen transportieren und sich dem Song anpassen kann. Der Klassenunterschied zu einer Tarja Turunen machte sich allerdings bemerkbar, wenn die Band mit voller Power loslegte. Dagegen konnte Anette nicht immer ansingen. Insgesamt aber konnte sie überzeugen.

Das neue Album „Imaginaerum“ war natürlich stark in der Setlist vertreten. Bei den ersten paar Durchläufen war ich von diesem Album eher enttäuscht, aber mit der Zeit setzten sich einige Titel doch im Gehörgang fest. Und es ist ein Live-Album. „Storytime“ war ein wunderbarer Opener, „Last Ride Of The Day“ der perfekte Schlusstitel und „I Want My Tears Back“ war sowieso genial! Aber auch der Skip-Titel „Slow Love, Slow“ machte erst auf der Bühne richtig Sinn.

Doch Nightwish beschränkten sich nicht nur auf die neue Platte. Ich freute mich – gemeinsam mit vielen Mit-Konzertbesuchern – über „Amaranth“, „The Islander“ und „Last Of The Wilds“ vom Vorgängeralbum. Und nicht nur Anette Olzons „Debüt“ „Dark Passion Play“ war mit einigen Songs im Programm. Die Band wagte sich auch an einige ältere Sachen aus der Tarja-Ära! Wie lange hatte ich mir gewünscht, „Dead To The World“ live zu hören! Bei diesem Song fehlte allerdings recht deutlich Tarjas hallenfüllender Sopran als Kontrast zu Marco und zur „Episierung“ des Stücks :-). Auch „Over The Hills And Far Away“ war nicht ganz wie erträumt – hier bin ich allerdings durch das Live-Album vorgeschädigt. Dagegen war „Planet Hell“ einfach nur geil und auch „Wish I Had An Angel“ rockte! Ungewöhnlich, aber schön war die Akustikversion von „Nemo“, das sich bisher nie ganz in meine Favoritenliste vorspielen konnte.

Eine nette Episode am Rande: Das Rockhal-Publikum schmetterte ein Geburtstagsständchen für Schlagwerker Jukka und ein treuer Fan schenkte ihm einen putzigen Stofflöwen – was Anette folgendermaßen kommentierte: „Even more furry creatures on stage“ :-). Wann fliegen bei Metal-Konzerten schonmal Kuscheltiere auf die Bühne?? ^^

Mein Fazit des Abends: Nightwish verstehen es immer noch, eine tolle Show zu liefern! Die Jungs beherrschen ihr Handwerk und auch die Kunst der Inszenierung, ohne dabei ihre Sympathie zu verlieren. Lediglich Tuomas wirkte hinter seinem Drehorgel-Keyboard-Stand noch unnahbarer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Der heimliche Frontmann war Marco – nicht nur bei den Stücken, in denen er einen Vocalpart hatte. Aber auch Anette machte ihren Job gut. Sie ist nicht mehr „die Neue“, sondern Teil der Band und hat stimmlich wirklich stark aufgeholt.

Ein Nightwish-Konzert ohne Tarja? Auf jeden Fall hörenswert!

Setlist:

  • Taikatalvi
  • Storytime
  • Wish I Had an Angel
  • Amaranth
  • Scaretale
  • The Siren
  • Slow, Love, Slow
  • I Want My Tears Back
  • The Crow, the Owl and the Dove
  • The Islander
  • Nemo
  • Last of the Wilds
  • Planet Hell
  • Ghost River
  • Dead to the World
  • Over the Hills and Far Away

Zugabe:

  • Finlandia
  • Song of Myself
  • Last Ride of the Day

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