Konzertbericht: Dream Theater (29.02.2012, Luxemburg)

Es ist vorbei. Warum ist es schon vorbei?? Monatelang hatte ich auf dieses Konzert gewartet! Seit Oktober schlummerten die Tickets in einem eigens für sie aufgestellten Schrein (ok, es war eine blaue Plastikbox, aber trotzdem!). Der 12. Februar war so knallrot im Kalender angestrichen, dass man damit eine komplette Bühne hätte ausleuchten können 🙂 Dann der kurze, aber heftige Schreck: Das Konzert wird verschoben! Dream Theater sind für den Grammy nominiert, die Verleihung ist am 12. Februar 2012. BÄM!

OK, eine Grammy-Nominierung lassen wir mal als Entschuldigung gelten! (Dass es am Ende nicht gereicht hat, ist Nebensache). Denn netterweise spendierte uns das Schaltjahr einen wunderbaren Ersatztermin! Am 29. Februar 2012 schlug das Traumtheater zum Abschluss seiner Europatour in der Rockhal seine Bühne auf.

Ohne! Stau erreichten wir ganz gemütlich den Konzertklotz in Esch-sur-Alzette/Luxemburg. Vor dem Einlass wartete bereits ein gutgelauntes, schwarz-buntgemischtes Publikum. Vom Lothringer Alt-Progger über den saarländischen Standard-Metalhead bis zum Luxemburger Goth-Girlie war wirklich alles vertreten. Das war die gelebte Großregion Saar-Lor-Lux und ein ganz besonderes Treffen der Generationen 🙂 Hallo Politik, so geht Europa! Stell eine legendäre, virtuose Frickelkapelle auf eine großherzogtümliche Bühne und staune, wie die Region ganz von selbst zusammenwächst.

Den Abend eröffneten Periphery. Warum gerade diese Band als Support auserkoren wurde, erschließt sich mir nicht. Prog-Metalcore ist nicht unbedingt das, was ich zur Einstimmung auf Dream Theater hören will. Viele andere offenbar auch nicht, denn vor der Bühne war´s ziemlich leer. Die meisten begutachteten mögliche Merchandising-Beute, beschäftigten die netten Menschen an der Biertheke – oder waren noch gar nicht da. Als sehr tolerante Musikliebhaberin hätte ich Periphery trotzdem sehr gerne einen Platz in meiner Plattensammlung verschafft. Doch was sie ablieferten, war bestenfalls Regionalliga. Ob sie einen schlechten Tag erwischt hatten und geistig schon halb im Urlaub waren, kann ich nicht beurteilen. Gestört hat auch, dass Spencer Sotelos Klargesangs-Passagen zu leise abgemischt waren. Vielleicht wären Periphery als Opener einer anderen Band einfach besser aufgehoben gewesen. Das hat die Vorfreude auf die Helden des Abends aber nur noch stärker angefacht.

Nach einem vergleichsweise kurzen Gastspiel fiel der Periphery-Vorhang und gab den Blick frei auf das gelungene DT-Bühnenbild mit den als Illusionswürfeln gestalteten Videowänden, die ich bereits in diversen Videos auf Youtube bewundert hatte. Und im Zentrum von allem stand Mike Manginis episches Drumset, das Großes versprach 🙂

Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte das Intro ein – und war schon gleich ein erstes Highlight. Die alter egos der Traumtheatristen huschten als Comicfiguren durch einen Videoclip: „The Wizard“ Jordan Rudess, James „Pirate“ LaBrie, „Ninja“ John Myung, John „der Barbar“ Petrucci und der „Djinn aus der Bassdrum“ Mike Mangini. Sehr sympathischer Anfang 🙂

Als die Band dann unter Jubel die Bühne betrat, setzte für mich die normale Zeitrechnung aus. Ich habe keine Ahnung, wie lange das Konzert gedauert hat, ich weiß nur, dass ich noch stundenlang hätte zuhören können.

Einen besseren Einstieg als „Bridges in the Sky“ hätte die Band für mich kaum wählen können. Grandioser Live-Song! Für einen kleinen WTF-Moment sorgte nur James LaBries seltsame Sonnenbrille, die glücklicherweise nach dem Opener in der Garderobe verschwand 🙂 Die Band war auf alle Fälle bestens gelaunt, das war von der ersten Note an klar.

Auf diese Neuware folgte ein Klassiker: 6:00 – optisch untermalt von einer hübschen Videoshow. So muss das sein! 🙂 Daran schloss sich mit „Build me up, break me down“ wieder ein Titel von „A Dramatic Turn Of Events“ an (habe ich schon erwähnt, dass das ein wundertolles Album ist?). Was freute ich mich, als nächstes „Surrounded“ zu hören! „Images and Words“ war mein erstes Dream-Theater-Album und wird deshalb immer einen ganz besonderen Stellenwert in meiner Musiksammlung einnehmen.

Nach „The Root of all Evil“ durfte der Neue endlich mal zeigen, was er kann. Mike Mangini beeindruckte mit einem Drum-Solo, das natürlich nichts anderes als eine One-Man-Muskelshow war und trotzdem für einen kieferausrenkenden Jawdrop sorgte 🙂 . Der sympathische Mann ist wirklich ein mehr als würdiger Nachfolger für Mike Portnoy!

Es folgten „A Fortune in Lies“ und „Outcry“. Letzteres gehörte für mich bisher immer zu den „Ganz nett, aber nicht überwältigend“-Titeln auf dem neuen Album. Seit dem Konzert kann ich es gar nicht oft genug hören. Hammersong, vor allem live! Optisch wurde er von einer Videocollage mit Protest-Szenen aus dem Arabischen Frühling untermalt. Pathos pur, aber sehr eindrucksvoll!

Was dann kam, trieb mir zum ersten Mal (Freuden)Tränen in die Augen. Ich hatte schon gelesen, dass zwei Akustik-Songs fester Bestandteil der aktuellen Setlist waren – was mich im Vorfeld nicht gerade mit Begeisterung erfüllte. Ich mag meine Lieblingssongs in voller Pracht, mit fetten E-Instrumenten und Schießbude 🙂 Aber James LaBrie und der klampfende (entschuldigt diese Blasphemie ;-)) John Petrucci verwandelten „The Silent Man“ und „Beneath the Surface“ in einen der ganz besonderen Gänsehaut-Momente der Show. An dieser Stelle muss ich sagen, dass LaBrie eine tolle Performance abgeliefert hat – und zwar den ganzen Abend lang! Der Mann hat einfach eine Wahnsinns-Stimme, eine einzigartige Stimme! Und er hat sein Kehlkopf-Instrument an diesem Abend wunderbar gespielt.

Auf dem Rücken der Engel ging´s nach der akustischen Verschnaufpause weiter: Die aktuelle Single „On The Backs Of Angels“ war natürlich Pflicht! Netter Song, wenn auch nicht Premiumkategorie. Danach war wieder Retro angesagt mit zwei Krachern aus „Six Degrees of Inner Turbulence“: „War Inside My Head“ und „The Test That Stumped Them all“. Sehr geil!

Was dann kam, war für mich das absolute Highlight dieses insgesamt großartigen Konzerts: ein überirdisch schönes Petrucci-Solo, dem der „Wizard“ mit seinen atmosphärischen Klangteppichen noch mehr Magie verlieh. Das traf mitten ins Herz! Unbeschreiblich! Man konnte fast spüren, wie das Publikum kollektiv den Atem anhielt. Und als das Solo dann in einen der absoluten Über-Songs – „The Spirit Carries On“ – mündete, liefen wirklich Tränen! Wie sehr hatte ich mir gewünscht, dieses Meisterwerk einmal live zu erleben!

Krönender Abschluss des regulären Programms war dann „Breaking All Illusions“, für mich der beste Song von „A Dramatic Turn Of Events“. Natürlich wären Dream Theater nicht Dream Theater, wenn sie nicht auch das noch toppen könnten 🙂 Als Zugabe brachten sie nichts Geringeres als „Pull Me Under“! Was wünscht man sich mehr?

Naja, vielleicht den „Count Of Tuscany“? Ich meine, es war das letzte Konzert der Europatournee, da hätten sie ruhig noch das 20-minütige Toscana-Epos dranhängen können, oder? 🙂 Allerdings fürchte ich, dass ich dann auf der Stelle an Glückshormon-Overload gestorben wäre. (Ich erwarte den „Count“ dann natürlich beim nächsten Gig!)

Ernsthaft: Das war das großartigste Konzert, dass ich jemals erlebt habe! Ich hatte mich so wahnsinnig darauf gefreut, dass ich schon fast mit einer Enttäuschung gerechnet hatte. Aber das Gegenteil war der Fall. Es war überwältigend! Nach dem Ausstieg von Mike Portnoy hatte ich das Schlimmste befürchtet. Sollte ich die Großmeister des Prog tatsächlich niemals live sehen? Aber glücklicherweise machen sie weiter, mit neuem Drummer, neuer Spielfreude und einem tollen neuen Album. Dream Theater sind am Leben – und genießen es gemeinsam mit ihren Fans in vollen Zügen! The Spirit Carries On!

Setlist

  • Intro: Dream Is Collapsing (Hans Zimmer Song)
  • Bridges in the Sky
  • 6:00
  • Build Me Up, Break Me Down
  • Surrounded
  • The Root of All Evil
  • Drum Solo
  • A Fortune in Lies
  • Outcry
  • The Silent Man (Akustik)
  • Beneath the Surface (Akustik)
  • On the Backs of Angels
  • War Inside My Head
  • The Test that Stumped Them All
  • Petrucci-Solo
  • The Spirit Carries On
  • Breaking All Illusions
  • Zugabe: Pull Me Under

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