5. September 2011    /    Gedanken    /    Tags: , , ,

9/11 – Der Tag, an dem die Erde stillstand

Der 11.09.2001 war ein beschissener Tag, genau genommen ein Desaster. Ich hatte gerade meine letzte Fahrstunde hinter mir und soeben erst erfahren, dass man eine gewisse Technik beherrschen muss, um rückwärts um eine Kurve zu fahren. Die eilig eingeschobenen Übungen in dieser Angelegenheit führten nur dazu, dass mein Panikpegel um ungefährt 1000 Punkte in die Höhe schnellte. Ideale Voraussetzungen für die Führerscheinprüfung am nächsten Tag…

Frustriert und nervös warf ich mich zu Hause erst einmal vor die Glotze, um meinen Geist auf Standby zu schalten. Mute – Ton aus! Das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war ein mieser Low-Budget-Katastrophenfilm.

Dann las ich die Topmeldung. Und las sie noch einmal.

Teletext aus, Ton an. Ein Flugzeug ist ins World Trade Center gekracht? Zwei Flugzeuge? Wie kann denn sowas passieren? Was soll das? Hier geht gerade ein Kindheitstraum von mir in Flammen auf! New York, das World Trade Center… Das stand immer ganz oben auf der Liste der Orte, die ich unbedingt besuchen wollte! Und all die Menschen… Da müssen doch tausende Menschen im Gebäude sein!

Das Ausmaß der Katastrophe war zu groß für Herz und Verstand. Durchzappen, Info-Bruchstücke sammeln, Erklärungen suchen. Ich starrte auf die unfassbaren Bilder, hörte etwas von Terrorangriffen – Terrorismus? Islamisten? Selbstmordanschlag? Diese Vokabeln waren in meiner Welt bisher höchstens als Randbegriffe aufgetaucht. Noch bevor ich das alles auch nur ansatzweise einordnen konnte, stürzte der erste Turm ein.

Ich kann nicht in Worte fassen, was ich empfunden habe, als ich die brennenden Türme sah. Entsetzen? Fassungslosigkeit? Angst? Es war dieses flaue Gefühl im Bauch, das dir den Magen zuschnürt und sich wie ein kaltes Kribbeln durch deinen ganzen Körper frisst, dich bis in die Haarspitzen, bis ins Mark erschüttert.

Was hier passierte, änderte alles. Das hier war ein Wendepunkt in der Weltgeschichte. Das spürte ich, genau wie Millionen Mitmenschen, die in diesem Augenblick die Katastrophe verfolgten. Etwas derartiges habe ich bis heute nie wieder empfunden.

Irgendwann kam mein Vater hereingepoltert. „Ab heute ist nichts mehr so, wie es war“, rief er atemlos, fassungslos. Und: „Das gibt Krieg.“

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Einen Tag später brauste ich verkehrsregelgerecht über die Autobahn, auf der Jagd nach meinem Führerschein – während hinter mir auf dem Rücksitz das Weltgeschehen diskutiert wurde. Mit beiden Augen auf Saarlands Straßen, mit einem Ohr am Ground Zero absolvierte ich meine Fahrprüfung. Ich musste nicht rückwärts um die Kurve fahren, ich musste nicht einmal am Straßenrand einparken. Was einen Tag zuvor in New York geschehen war, bewegte die Herzen und Gedanken der Menschen so sehr, dass alles andere nebensächlich wurde. So hielt ich dann auch nach knapp 25 Minuten die Fahrerlaubnis in den Händen. Mission erfolgreich, alle Voraussetzungen fürs 18-Werden erfüllt.

Am 13. September 2001 wurde ich volljährig. Erwachsen wurde ich zwei Tage vorher. Am 11. September 2001, dem Beginn des 21. Jahrhunderts.

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Wo warst du am 11. September? Reinhard Karger war in New York, als die Twin Towers einstürzten. Er hat die Katastrophe in einer beklemmenden Fotoserie dokumentiert. Und er sammelt Erinnerungen an diesen Tag, an dem die Erde stillstand. Die meisten Geschichten sind so banal wie diese – und dennoch auf bedrückende Weise fesselnd. Es sind die Versuche, Gefühle in Worte zu fassen, die eigentlich unaussprechlich sind. Man liest sie zwischen den Zeilen.

 

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