Ein Stück Märchen

Freitag Mittag, 12 Uhr: die Braut kommt! Atem anhalten, Taschentücher griffbereit, fertig zum hach-en. Es wird geheiratet im fernen London. Millionen Frauen Hochzeitssüchtige sitzen vor den Fernsehern, Millionen Männer Romantikmuffel stellen demonstrativ ihre Verachtung vor dem Royalspektakel zur Schau.

Auch wenn mein Interesse an der Welt der Blaublüter sich arg in Grenzen hält, so ist eine Hochzeit doch immer eine nette Sache. Also habe ich, sofern die Arbeit es erlaubte, immer mal wieder einen Blick in die Westminster Abbey geworfen. Und es war nett mit dem Prinzenpaar. Ich weiß, dieser Post interessiert viele ü-ber-haupt nicht. Kann ich verstehen, die Welt dreht sich auch ohne Prinzenhochzeitsgedöns weiter wie bisher. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, sind all die Miesmacher, die  im Web 2.0 leider viel zu zahlreich vertreten sind. Ja, das war eine sauteure Veranstaltung – die andererseits auch wieder viel Geld auf die Konten vieler Dienstleister und Händer sowie in die britische Staatskasse gespült hat. Ja, die Monarchie ist sowas von Achtzehnhundertschlagmichtot. Ja, in Nordafrika sterben Menschen in Revolutionen, die Umwelt wird zerstört und in Japan kämpfen sie immer noch gegen die atomare Katastrophe. Und ja, es ist absolut unnötig, dass ARD und ZDF gleichzeitig stundenlang die selben Bilder senden.

Aber muss man denn alles schlechtreden? Sollen wir alle ständig mit angelamerkelesquen Mundwinkeln und Betroffenheitsmiene durch die Gegend laufen/twitten/bloggen? Können wir uns nicht einfach mal zurücklehnen und uns über ein schönes Ereignis freuen? Als Redakteurin werde ich täglich mit Meldungen über Gewalt, Verbrechen, Krieg, Wirtschaftskrisen, Skandale und Katastrophen bombardiert. Nachrichtenfaktoren, Nachrichtenwert. Ich freue mich einfach, wenn zwischen all den negativen News folgende Eilmeldung eintrudelt: +++ EIL: PRINZ WILLIAM UND KATE MIDDLETON HABEN JA GESAGT +++ Ein kleines Stück Märchen in der Realität.

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So, und wer noch nicht genug hat von der Märchenstunde, auf den wartet hier meine kleine Hochzeitskritik 🙂

Mein Fazit: Eine nette, wenn auch etwas unterkühlte Veranstaltung. Da war die Schwedenhochzeit von Kronprinzessin Victoria und ihrem Daniel Westling (der mit der Brille!) im letzten Jahr doch wesentlich warmherziger und rührender. Ich fand die Musik zu unergreifend und melancholisch und habe schönen Kirchenschmuck vermisst. Natürlich war es eine außergewöhnliche Idee, eine Allee in der Westminster Abbey aufzustellen, aber der Altar sah doch arg karg aus. Man kann ja auch Blumenschmuck sehr dezent und modern gestalten.

Das Brautpaar ist sympathisch, keine Frage. Die beiden wirkten angemessen nervös und hinterher ehrlich glücklich. Die beiden generösen Sekundenküsschen auf dem Balkon waren putzig 🙂 Aber man hatte immer ein wenig den Eindruck, dass ihnen alles eine Spur zu groß und zu unpersönlich war. Ich vermute, auf der privaten Feier in „kleinem“ Rahmen (von 300 Leuten) hatten sie zum ersten Mal an diesem Tag richtig Spaß 🙂 Wobei man zur Verteidigung sagen muss, dass ja auch bei „bürgerlichen“ Hochzeiten der Spaß erst richtig losgeht, wenn das Partyprogramm startet. So schön die Zeremonie auch sein mag: es rauscht doch teilweise viel zu schnell an einem vorbei, wenn man nebeneinander vor dem Altar steht, nervös, glücklich, verliebt und total überwältigt.

Kommen wir zum Brautfit. Ein Wort, es zu beschreiben: hübsch! Nicht atemberaubend, aber hübsch. Das Kleid war geschmackvoll-schlicht, der kunstvoll in Falten gelegte Rock mit der kurzen Schleppe einfach ganz große Schneiderkunst. Was mich ein wenig gestört hat, war der Spitzenüberzug des Oberteils. Ich könnte noch nicht einmal sagen, was genau mir daran nicht gefallen hat. Der Schnitt (obwohl der nicht schlecht war)? Die Spitze an sich (die für sich betrachtet  auch wunderschön ist)? Ich weiß es nicht, aber ich fand, dass die Spitze dem Kleid einen etwas altbackenen Look verpasst hat. Lange Ärmel aus Satin, und das Kleid und ich wären beste Freundinnen geworden 🙂 Ich hätte hinter dem Kleid übrigens nie Alexander McQueen vermutet.
Den halblangen Schleier fand ich wunderschön, eine meterlange Gardine hätte nicht zu Kate gepasst. Was meiner Meinung nach nicht ging, war der Brautstrauß. Ich weiß, jedes Blümchen darin hatte eine besondere Bedeutung und es steckte sogar eine Liebeserklärung an „Sweet William“ darin. Aber hätte man das Ganze nicht ein wenig ansprechender binden können? Für eine standesamtliche Hochzeit im kleinen Rahmen wäre der Brautstrauß ganz süß gewesen, aber im Gesamtkonzept dieser königlichen Hochzeit wirkte er verloren. Nun ja, immerhin hat Kate sich so den extra Wurfstrauß gespart 😉

So, genug der Kritik 🙂 Ich hoffe, alles lief so, wie Will und Kate es sich vorgestellt haben und ich hoffe noch mehr, dass sie trotz all der höfischen Regeln und Verpflichtungen auch ihre eigenen Wünsche in ihren großen Tag einbringen konnten. Und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass ihr ganz privates Märchen mit der Traumhochzeit noch nicht zu Ende ist.

And they lived happily ever after.

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