15. März 2011    /    Gedanken    /    Tags: , , ,

Wo ist die Welle der Hilfsbereitschaft?

Eine Sache irritiert mich seit dem Wochenende. Nach dem Tsunami in Thailand und dem Erdbeben in Haiti setzte sofort eine Welle der Hilfsbereitschaft ein. Spendenaufrufe, Hilfsgütersammlungen, Benefizveranstaltungen – es war überwältigend.

Und jetzt? Hunderttausende haben in Japan alles verloren, haben nichts mehr außer den Kleidern, die sie am Leib tragen. Eine Kältewelle droht, weitere Beben werden erwartet.

Und was tun wir? Diskutieren hysterisch über die Abschaltung unserer Atomkraftwerke. Statt Benefizkonzerten organisieren wir Anti-Atom-Demos, bei Twitter lösen #laufzeitverlaengerung und co. Die Katastrophen-Hashtags als Trending Topics ab. Leute hierzulande stecken Geld in Jodtabletten und sogar Geigerzähler.

Natürlich ist die Atomdebatte wichtig. Aber viele, die jetzt hysterisch „Abschalten!“ schreien, waren nicht zu hören, als die Laufzeitverlängerung beschlossen wurde. Natürlich, die „Stamm-Atomgegner“ waren immer da. Auch die Parteien – die jetzt fleißig die Wahlkampftrommel rühren – haben heftig gestritten. Aber die Wutbürger sind jetzt erst mit jeder Menge Populistischem Geschrei losgeprescht. Man könnte ja selbst betroffen sein.

Und die Welle der Hilfsbereitschaft? Wird vom AKW-Tsunami weggespült.

Wenn man fragt, zu welchem Stromanbieter man wechseln soll, kommen zahlreiche Antworten, wenn man nach Spendenmöglichkeiten fragt, ist Schweigen im Zwitscherwald. Natürlich ist die Atomdebatte wichtig. Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass in Japan Tausende in Not sind – und zwar ganz akut.

7 Antworten zu “Wo ist die Welle der Hilfsbereitschaft?”

  1. Gilly sagt:

    Ich denke, es gibt zwei Gründe, wieso es keine großen Spendengalas etc gibt.

    Zum einen stimme ich mit dir überein, dass natürlich Fukushima die Tsunami-Katastrophe (zumindest in den Medien) komplett in den Schatten stellt.

    Zum anderen habe ich auch schon an einigen Ecken gehört „ne die bekommen nichts, ist ja eine reiche Industrienation“. Völliger Unsinn, im Moment ist fast ganz Japan im Ausnahmezustand. Ich für meinen Teil habe jedenfalls ans Rote Kreuz gespendet. Denn die Leute, die im Moment ohne Decken und ohne Essen in der Kälte sitzen, haben wenig davon, dass sie in einer eigentlich „reichen“ Gegend leben.

  2. Pasitheia sagt:

    Bei allem Mitgefühl mit den Menschen in Japan ist mir meine Familie wichtiger.
    Da ich durch die Vorfälle im AKW in Japan betroffen bin brauche ich meine Resourcen ( Geld, Gesundheit) selbst um das Überleben meiner Familie zu sichern. Kein Mensch weiß was hier auf uns alle zukommt.
    Was ist wenn die Strahlung auf die gesamte Nordhalbkugel verteilt wird, wird eine Lebensmittelknappheit auf uns zukommen? Es ist für mich nicht klar was das alles bedeuten kann – und darum halte ich mich mit Spenden zurück.
    Diese Bedrohung ging weder von Haiiti noch von Neuseeland aus.
    Ich kann mir vorstellen dass es den anderen Menschen hier genauso geht.

  3. Thoddy sagt:

    Was von vielen falsch eingeschätzt wird, ist die Mentalität der Japaner. Japaner haben gelernt, sich mit Situationen abzufinden, mögen sie auch noch so dramatisch sein. Nicht umsonst ist es ja das Land des Lächselns. Der Stolz der Japaner hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass in der Vergangenheit Hilfe aus dem Ausland nur ungern angenommen wurde. Sicherlich kann man die Hilfsorganisationen unterstützen. Auch wenn das Geld dann nicht benötigt werden sollte, bleibt es ja für spätere Einsätze.
    Zum anderen fionde ich die Diskussionen á la Guttenberg immer etwas blöde, wenn Äpfel mit Birnen verglichen werden. Er meinte ja auch, die Diskussion um seine Doktorarbeit würde auf dem Rücken der gefallenen Soldaten ausgetragen werden. Die Atomdiskussion geht auch nicht zu Lasten der Opfer in Japan. Eher im Gegenteil. Rund um die Uhr wird auf vielen Sendern über die Tragödie berichtet. Die Atomausstiegsdiskussion rückt nun nur wieder nach vorne, weil die Folgen sichtbar geworden sind.
    Wie man in Japan helfen kann, dass muss logistisch und kompetent geklärt werden. Wenn Hilfe benötigt wird, dann wird auch garantiert reichlich gespendet. ;o)

  4. Andrea sagt:

    Sehe ich ähnlich wie Du. Bei Pakistan hatten wir den Fall übrigens auch, dass keine Welle der Hilfsbereitschaft angelaufen ist, nach dem Motto: bei der politischen Lage schicken wir da kein Geld hin. s. Blogpost: http://bachmichels.wordpress.com/2010/08/19/pakistan/

    Und weil es mich genauso nervt wie dich, habe ich am Samstag einen Blogpost geschrieben, in dem ich darauf hingewiesen habe, wohin man spenden kann und habe auch einen Banner in meinem Blog geschaltet. Für heute abend oder morgen (sobald ich dazu komme) wollte ich die Aktion Shelter Box auch noch mal näher vorstellen:

    http://bachmichels.wordpress.com/2011/03/13/von-schaulustigen-und-helden/

  5. […] *Zur mangelnden Spendenbereitschaft ein Artikel von @lakirana auf Panzerkeks […]

  6. hiroshi sagt:

    „Der Stolz der Japaner hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass in der Vergangenheit Hilfe aus dem Ausland nur ungern angenommen wurde.“…….
    Wo ist die Quelle dieser Behauptung….? Ich kenne so was als Japaner leider nicht.

    Ich denke eben Deutsches Rotes Kreuz wäre schon die richtige Adresse für die Spende. Viele Städte im Katastrophengebiet haben nun für den Wiederaufbau und die Menschenhilfe eigene Spendenkonten errichtet, aber diese Konten sind für die Spender aus dem Ausland sehr schwer zu erreichen. Nur informativ.

    Viele Obdachlosgewordenen dort sind isoliert und sehr schlecht versorgt, besonders jetzt bei kaltem Wetter. Z.B. in einer Turnhalle, wo viele Menschen offiziell als Notunterkunft untergebracht wurden, ist ein alter Mensch heute wegen der Kälte gestorben. Der ist nicht der Einzige. Es gibt nicht genügend Decke und Wärme. Kein Strom, kein Heizöl, keine Heizung, kein Lebensmittel und und……..
    Viele TV-Sender und Zeitungen berichten meistens nur über AKW-Katastrophe …..

    Die Japaner organisieren selber Hilfskonvoi und wollen Hilfsgüter dorthin transportieren, aber die Strassen zu den Tsunami- und Erdbebenopfern sind meistens unpassierbar und wegen Kraftstoffmangel können nicht alle LKWs zu diesen Menschen kommen. Reiches Land….. mag es sein …, aber wenn die Kleinkinder Väter und Mütter nicht mehr (oder nie wieder) finden und auf der Straße nur weinen, dann müssen sie auch geholfen werden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Reichen und Armen. Ich habe auch nicht verstanden wieso UNICEF DEUTSCHLAND bis gestern „die Situation in Japan zuerst beobachten“ wollte und keine Spende gesammlt hat. Wenn man selber nicht genügend Geld hat, kann man gar nicht spenden. Es ist völlig klar. Ich konnte bis jetzt oft gar nicht spenden. Als meine Eltern noch in ihrer Lebzeit im Jahr 1995 große Erdbebenkatastrophe in Kobe erleben mußten, konnte ich kaum was spenden, weil mir das Geld fehlte. Diesmal habe ich mein Monatsgehalt an DRK und JRC gespendet. Morgen bekommen die betroffenen Städte von mir die Spende. An die Betroffenen zu denken oder für die zu beten halte ich schon für sehr helfend. Wenn die Betroffen das erfahren, bekommen sie Kraft zum Leben und Mut, und dann denken sie sicherlich ein bißchen erleichtert „wir sind doch nicht allein…“.
    Nur bitte nicht so denken …. „die kommen schon selber klar…“
    Schließlich sind wir alle „MENSCHEN“. Danke für das Lesen.

  7. Felios sagt:

    @Pasitheia –

    „Was ist wenn die Strahlung auf die gesamte Nordhalbkugel verteilt wird, wird eine Lebensmittelknappheit auf uns zukommen?“

    Selbst wenn alle 6 Reaktoren explodiert wären, könnte die Strahlung nicht so hohe Werte erreichen, dass es außerhalb Japans zu gravierenden Strahlenbelastungen kommt. Problematisch ist in erster Linie die Verseuchung auf dem japanischen Festland (Grundwasser/Trinkwasser, landwirtschaftliche Produkte) und in den Küstenregionen, speziell, nachdem die radioaktiven Stoffe in die Nahrungskette gelangt sind. Eine weltweite Lebensmittelknappheit sehe ich dadurch nicht.

    Zum Thema:

    Momentan gilt die Sorge (und entsprechende Spenden) jedenfalls vorrangig dem Überleben. Über den Wiederaufbau der verwüsteten Regionen kann man sich Gedanken machen, wenn die beschädigten AKW-Anlagen einbetoniert bzw. mit Sandglasur überzogen wurden. Mit letzterem wird Japan vermutlich alleine fertig, bei ersterem gehts ohne Unterstützung nicht.

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