Ägyptens friedliche Revolution – und Deutschlands Möchtegern-Revoluzzer

Als gestern die Eilmeldung im Agenturticker aufpoppte, konnte ich es im ersten Moment nicht glauben. „Mubarak ist zurückgetreten“. Ganz im Sinne von seriösem Journalismus wartete ich auf die zweite Agentur – und dann stand der Ticker nicht mehr still. Für eine solche Nachricht macht man doch gerne ein paar Überstunden. Ich habe – wie viele hier im Netz – die Ereignisse in Ägypten aufmerksam verfolgt, Livestreams und Sondersendungen geschaut, mich um die Korrespondenten vor Ort gesorgt und natürlich auch bei Twitter aufmerksam mitgelesen. Es war fast so als wäre man dabei – in einem Hotel in Kairo, vielleicht ein wenig abseits vom Zentrum des Geschehens, aber einiges konnte man durchs Fenster und am gleichzeitig laufenden Fernseher beobachten. An dieser Stelle will ich den Journalisten einmal ein ganz großes Lob für die Berichterstattung der letzten Wochen aussprechen. Ihr habt einen tollen Job gemacht!

Eine friedliche Revolution – ich habe ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt, als ich am Donnerstag Abend nach Mubaraks Rede den Livestream verfolgt habe. Aber die Ägypter haben es hinbekommen – und wahrscheinlich die ganze westliche Welt zum Staunen gebracht. Was jetzt kommt, muss man sehen. Ich bin da nicht hundertprozentig optimistisch. Militärregierungen sind immer problematisch und ich hoffe auch, dass die radikalen Islamisten sich die Situation nicht zu Nutze machen können. Ich wünsche den Ägyptern viel Kraft, Mut und einen langen Atem, um ihr Land in eine echte Demokratie zu verwandeln, wie es sich die jungen Leute dort wünschen!

Eines hat mich allerdings gestört während der vergangenen 18 Tage. Einige Twitterer haben irgendwann angefangen, die Situation in Ägypten mit der Lage hier in Deutschland zu vergleichen. Liebe Leute: Ägypten ist nicht Stuttgart 21 und Mubarak ist nicht Merkel! Seid ihr irre? Was glaubt ihr würde ein Ägypter sagen, wenn ihr die Proteste für ein freies Land mit den Demos gegen einen bescheuerten Bahnhof vergleicht?? Geht´s  noch?

Und für alle, die jetzt plötzlich das Revolutionsfieber gepackt hat: ihr vergesst glaube ich, wie gut es uns hier geht. Unsere Regierung ist nicht im Amt, weil sie sich durch Notstandsgesetze, Folter und Unterdrückung da hält. Sie ist im Amt, WEIL SIE VOM VOLK GEWÄHLT WURDE! In freien, geheimen, gleichen Wahlen. Dass viele sie nicht gewählt haben und deshalb unzufrieden sind und dass einige, die sie gewählt haben, auch unzufrieden sind, ist voll ok. Wir haben hier in Deutschland ja auch das Recht, nach Herzenslust zu schimpfen, uns zu beschweren und dadurch auch politische Entscheidungen zu beeinflussen. Und zwar ohne dass uns Folter, Knast und Unterdrückung drohen.

Die da oben machen sicher vieles falsch. Aber sie wurden gewählt. Bei der nächsten Wahl hat jeder ab 18 die Möglichkeit, sie für Fehler zu bestrafen und einer anderen Regierung eine Chance zu geben. Die Ägypter hatten diese Möglichkeit nicht. Das sollten alle Möchtegern-Revoluzzer sich ins Gedächtnis rufen.

Kommentare (7) Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast ja Recht. Ich bin auch froh, das wir in einem demokratischen Land leben und wählen können und unsere Meinung sagen dürfen. Dazu gehört es allerdings auch, dass wir uns gegen unsinnige Bauprojekte und solche „Kleinigkeiten“ (?)wie Atommüll wehren, oder? Wir sollten natürlich die Verhältnismäßigkeit wahren. Das ist keine Revolution und die ist im Moment auch nicht nötig, finde ich zumindest. Aber an den Mauerfall erinnerte das ja doch gestern, es war alles sehr bewegend, fand ich.
    Gruß, Uta

  2. Bin da ganz deiner Meinung. Dass man sich wehrt und auch demonstriert ist voll in Ordnung, wie ich ja auch geschrieben habe (darf man bei uns ja auch). Mich stört nur der Vergleich mit Ägypten. Der ist unangemessen und wird dem, was in Kairo passiert ist, einfach nicht gerecht. Mit dem Mauerfall gebe ich dir auch recht. War sehr bewegend gestern!

  3. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer danke für diesen gut geschriebenen Blogpost. Ich hoffe er bekommt all die Leser die er verdient.

  4. Ich weiß wie du deinen Text meinst aber man sollte dennoch nicht zu voreilig die Keule rausholen und einem das „uns gehts doch gut“ über den Kopf hauen.
    Demokratie ist kein Selbstzweck und kein Garant für eine gerechte Gesellschaft. Auch in einer Demokratie können Verhältnisse entstehen die kein wahlberechtigter Bürger gewollt hat oder anders; die kein Bürger wollen sollte.
    Man erinnere sich: manche Geschichtslehrer sprechen zb immer noch von Hitlers Machtergreifung – dabei war es eine normale Wahl in einem demokratischen System.

  5. Danke für diesen Post, ich finde den Vergleich auch unpassend. Es mag sein, dass auch eine Demokratie ihre Probleme hat und man diese lösen muss, aber das ist kein Grund, einen solchen Vergleich zu ziehen.

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