WikiLeaks: Transparenz um jeden Preis?

Wie ein Großteil der Welt habe auch ich die WikiLeaks-Veröffentlichungen verfolgt, seit sie es mit den afghanischen Kriegstagebüchern zum ersten Mal in den Fokus der Weltöffentlichkeit geschafft haben. Ich habe mir die Spiegel-Ausgaben gekauft, die Reaktionen in den Medien, Pressekonferenzen und die Webdebatte verfolgt, Lob und Kritik gelesen und versucht, mir eine differenzierte Meinung zum Thema zu bilden.

Trotz allem: Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Einerseits begrüße ich solche Enthüllungen. Hinter die Fassade unserer Regierungen zu blicken, ist mehr als interessant, ist wichtig. Transparenz ist essenziell für eine moderne Demokratie. Und manches muss einfach ans Licht gebracht werden.

Aber Transparenz bedeutet nicht unbedingt den unverhüllten, ungefilterten Blick durch eine Glasscheibe. Dass es eine „Petze“ während der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen gab, ist eine relevante Information. Aber ist es wirklich notwendig, jedes Depeschenschnipselchen amerikanischer Diplomaten zu veröffentlichen, in denen in den meisten Fällen allenfalls die Momentaufnahme einer Einschätzung zu lesen ist? Muss denn alle Welt wissen, dass Angela Merkel teflonbeschichtet ist und der Guido noch Nachhilfe in Außenpolitik braucht? Keine Frage: ich habe mich darüber amüsiert. Doch was ist der informationelle Wert dieser Publikationen?

Und wie müssen die geleakten Personen sich fühlen? Werden sie künftig noch weniger Offenheit an den Tag legen, weil sie befürchten müssen, dass alles, was sie sagen und schreiben, irgendwann im Netz erscheint? Werden die Regierungen jetzt eine großangelegte Überwachungs- und Sicherheitsoffensive starten, damit nichts mehr an die Öffentlichkeit dringt? Werden die Politiker jetzt auch untereinander nur noch auf Schönwetter machen und nicht mehr wissen, wie sie sich gegenseitig einschätzen sollen? Werden sogar Personen ernsthaft dadurch gefährdet? Ich weiß nicht, ob WikiLeaks sich und uns da selbst ins Knie geschossen hat. Ungefilterte Transparenz kann leicht in eine Kultur des Misstrauens umschlagen.

Die Medien haben noch immer eine Gatekeeper-Funktion. Heute vielleicht noch mehr als früher. Und auch wenn WikiLeaks sich nicht als klassisches Medium sieht, so sollten gewisse „klassische“ Regeln auch für neue Medien gelten. So wichtig wie die Pressefreiheit ist der Pressekodex. Und auch wenn mein Abschlussspruch für diesen Beitrag aus einem Comic stammt, so trifft er es doch ganz gut:

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung“.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Schade, dass ich diesen Beitrag erst jetzt lese, ich finde den Beitrag sehr gut und sehe das genauso. Auf meine Argumentation, dass zur Pressefreiheit eben auch ein Pressekodex gehört, folgten in meiner Facebook Timeline heftige Diskussionen. Echt schade, dass ich diesen Beitrag damals nicht shcon entdeckt habe. Dennoch: ein verspätetes Danke.

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